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Sprachenvielfalt

Und ich dachte, 4 Nationalsprachen seien viel...

10. Februar 2016

Für mich als Schweizer gab es zwei Dinge, bei denen ich in Mexiko auf dem falschen Fuss erwischt wurde. Das erste sind die Höhen, wo ich als Schweizer das Gefühl hatte, wir mit den Alpen kennen eigentlich alles. Mexiko Stadt liegt auf etwa 2200 m ü. M., rund zwei Dutzend Millionen Menschen auf der Höhe des Alpentowers im Hasliberg. Und in Sichtweite sind die zwei Vulkane Popocatépetl und Iztaccíhuatl, die beide weit über 5000 Meter hoch sind.

Das Zweite sind die Sprachen, wo ich als Schweizer immer das Gefühl hatte, wir mit unseren 4 Nationalsprachen seien äusserst vielfältig diesbezüglich. Auch da habe ich mich getäuscht. Mexiko ist eines der Länder mit den meisten einheimischen Sprachen. Je nach Institut (ich habe die Quellen dieses Artikels am Ende aufgelistet) variieren die Zahlen ein wenig, aber im Grossen und Ganzen erzählen sie die gleiche Geschichte. Ich bin zugegebenermassen kein Linguist, versuche es aber so wiederzugeben, wie ich es verstanden habe.

Die offizielle Amtssprache ist Spanisch. Zusätzlich anerkennt Mexiko seit 2003 gesetzlich 62 weitere Sprachen als Nationalsprachen (richtig gelesen, zweiundsechzig!). Das Nationale Institut für die Indigenen Sprachen (INALI) listet sogar 68 einheimische Sprachen auf. Und die Angelegenheit ist noch ein wenig komplizierter: Die 68 Sprachen (acrupación lingüística) werden zusammengefasst in 11 Sprachfamilien (familia lingüística), und unterteilt in 364 registrierte Dialekte (variante lingüística). Insgesamt sprechen 6.9 Millionen Menschen im Alter von 3 Jahren und mehr eine einheimische Sprache als Hauptsprache.

Und mit Bestimmtheit kennst und brauchst auch du Begriffe aus einheimischen mexikanischen Sprachen: Chili kommt zum Beispiel von den Azteken (chilli auf Náhuatl, der Sprache der Azteken), wie auch die Tomate (xitomatl auf Náhuatl). Und der tropische Wirbelsturm Hurrikan verdankt seinen Namen Huracán, dem Gott des Windes der Maya. Wichtiger für die Schweiz ist natürlich die Bedeutung von Schokolade. Xocólatl ist aus dem Náhuatl, und bedeutet soviel wie bitteres Wasser: xócoc heisst bitter, und atl heisst Wasser (und Schokolade ohne Zucker ist bekanntlich ziemlich bitter). (Dies ist zumindest eine Deutung vom Wort Schokolade; es gibt andere, aber alle im Zusammenhang mit den Sprachen der Azteken und der Maya.)

Die Häufigkeit der verschiedenen Sprache variiert drastisch. Die häufigste Sprache ist mit über 1.5 Millionen Náhuatl. Durch die Dominanz der Azteken war das Náhuatl bei der Ankunft der Spanier die Handelssprache von Zentralamerika, und auch die spanischen Eroberer bedienten sich lange des Náhuatls, um mit den Einheimischen zu kommunizieren. Nach dem Náhuatl nehmen die Zahlen rapide ab. Die 10 meist gesprochenen Sprachen haben aber alle mehr als 200‘000 Sprecher, und damit weit über den 60‘000, die Rätoromanisch sprechen (gemäss Volkszählung 2000). Anzahl Sprecher von indigenen mexikanischen Sprachen. Anzahl Sprecher von einheimischen Sprachen (5+ Jahre alt). Das Náhuatl der Azteken ist die nach wie vor meist gesprochene einheimische Sprache, gefolgt vom Maya.

Die absoluten Zahlen sind aber nur eine Sichtweise des Ganzen. Eine andere, ebenso interessante Sichtweise ist wie viel Prozent der Bevölkerung spricht als erste Sprache eine einheimische Sprache. Die Zahlen sind von Bundesstaat zu Bundesstaat sehr unterschiedlich: Prozentualer Anteil der Bevölkerung. Prozentualer Anteil der Bevölkerung, die eine einheimische Sprache als Hauptsprache hat (3+ Jahre alt). Führend ist Oaxaca mit über einem Drittel (entspricht 1‘165‘186 Einwohnern), der mexikanische Durchschnitt liegt bei 6.6 Prozent.

Leider gibt es eine Korrelation zwischen der Verbreitung der einheimischen Sprachen und dem Grad der Armut und des Analphabetismus. Obwohl Mexiko in dieser Hinsicht riesige Fortschritte gemacht hat (Analphabetismus bei Volkszählung 1970: 25.8 %, 2010: 6.9 %), so ist der Anteil in gewissen Regionen immer noch bei fast 18 % der Bevölkerung. Analphabetismus in Mexiko. Analphabetismus in Prozent (15+ Jahre alt). Führend sind die Bundesstaaten Chiapas, Guerrero und Oaxaca mit 16-18 % Analphabetismus. Der mexikanische Durchschnitt liegt bei 6.9 %.

Der Zusammenhang zwischen einheimischen Sprachen und Analphabetismus ist noch besser sichtbar, wenn man die Zahlen graphisch auf Karten darstellt: Einheimische Sprache, in Prozent, auf Landeskarte. Analphabetismus, in Prozent, auf Landeskarte. Links/Oben: Prozentualer Anteil der Bevölkerung von 3 Jahren und älter, die als Hauptsprache eine einheimische Sprache spricht. Dunkelgrün ist hoch (Oaxaca 33.8 %), hellgrün ist tief (Coahuila 0.2 %). Rechts/Unten: Analphabetismus in Prozent der Bevölkerung von 15 Jahren und älter. Dunkelgrün ist hoch (Chiapas 17.8 %, Oaxaca 16.7 %), hellgrün ist tief (Mexiko-Stadt 2.1 %).

Damit ihr überprüfen könnt, ob ihr eventuell eine der einheimischen Sprache kennt, liste ich hier die 68 vom INALI definierten Sprachen auf:

Akateko, Amuzgo, Awakateko, Ayapaneco, Cora, Cucapá, Cuicateco, Chatino, Chichimeco Jonaz, Chinanteco, Chocholteco, Chontal de Oaxaca, Chontal de Tabasco, Chuj, Ch’ol, Guarijío, Huasteco, Huave, Huichol, Ixcateco, Ixil, Jakalteko, Kaqchikel, Kickapoo, Kiliwa, Kumiai, Ku’ahl, K’iche’, Lacandón, Mam, Matlatzinca, Maya, Mayo, Mazahua, Mazateco, Mixe, Mixteco, Náhuatl, Oluteco, Otomí, Paipai, Pame, Pápago, Pima, Popoloca, Popoluca de la Sierra, Qato’k, Q’anjob’al, Q’eqchí’, Sayulteco, Seri, Tarahumara, Tarasco, Teko, Tepehua, Tepehuano del norte, Tepehuano del sur, Texistepequeño, Tlahuica, Tlapaneco, Tojolabal, Totonaco, Triqui, Tseltal, Tsotsil, Yaqui, Zapoteco, Zoque.

Diese 68 Sprachen sind in folgende 11 Sprachfamilien eingeordnet:

Álgica, Yuto-nahua, Cochimí-yumana, Seri, Oto-mangue. Maya, Totonaco-tepehua, Tarasca, Mixe-zoque, Chontal de Oaxaca, Huave.

Die 364 Dialekte erspare ich euch.

In diesem Sinne, anej (bis bald auf Náhuatl)!

Info

Die Informationen für diesen Beitrag habe ich aus unterschiedlichen Quellen, und je nach Herkunft unterscheiden sie sich ein wenig. Die meisten Daten habe ich aus diesen drei Dateien (PDF-1, PDF-2, PPT) des INEGI, allesamt Zusammenfassungen der Ergebnisse der Volkszählung von 2010. Mehr Informationen finden die Interessierten hier: INALI (Instituto Nacional de Lenguas Indígenas), INEGI (Instituto Nacional de Estadística, Geografía e Informática), INEA (Instituto Nacional para la Educación de los Adultos) und CDI (Comisión Nacional para el Desarrollo de los Pueblos Indígenas).