México

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Barrancas del Cobre

Im Grand Canyon Mexikos

05. September 2015

Am 16. März war ein Nationalfeiertag, und am 18. März ein Feiertag in der Ölindustrie in Mexiko (am 18. März 1938 wurde der Erdölsektor nationalisiert; dies wurde im Jahre 2012 in einer Energie-Reform nach fast 75 Jahren wieder rückgängig gemacht). Liliana hat den Freitag und den Dienstag noch frei genommen (ich arbeitete noch nicht), und so hatten wir beinahe eine Woche Ferien, die wir voll auskosteten: Freitag morgens um 04:45 holte uns das Taxi ab Richtung Flughafen, und am Mittwoch waren wir um etwa 21:30 wieder zu Hause; sehr erschöpft, aber erfüllt mit unglaublich vielen Eindrücken.

Wir gingen in den Norden Mexikos in die Ferien, auch für Liliana war es das erste mal im Norden. Genauer gesagt reisten wir in den Bundesstaat Chihuahua, rund 1200 km nördlich von Mexiko-Stadt, etwa zwei Stunden im Flugzeug. Es ist der grösste Bundesstaat Mexikos, aber auch einer der am spärlichsten besiedelten; er ist rund 6 mal so gross wie die Schweiz, bei nur etwa 3.5 Millionen Einwohnern. Er hat eine relativ lange Grenze mit den USA, grösstenteils entlang dem Río Bravo, und zeichnet sich vor allem durch Wüstengebiete, Steppen, und waldige Berge, der Sierra Madre Occidental, aus.

(Randnotiz: Die mexikanische Hunderasse Chihuahua hat ihren Namen natürlich auch von diesem Bundesstaat. Es ist die kleinste Hunderasse der Welt, und bereits die Azteken hielten sich Chihuahuas.)

Karte mit Mexiko-Stadt, Chihuahua, und Urique Karte von Mexiko mit den 32 Bundesstaaten; Chihuahua ist rot umrandet. (Creel und Bauhichivo sind relativ nahe bei Urique.)

Das interessante an der Region ist, dass sie von drei unterschiedlichen Kulturen bewohnt wird. Erstens wohnen hier natürlich die Ureinwohnern, die Tarahumaras oder Rarámuris. (Mexiko hat über 60 Ur-Kulturen mit ebenso vielen Sprachen, und rund 16 Millionen Ureinwohner.) Der Unterschied zwischen den Bezeichnungen Tarahumara und Rarámuri ist nicht unbedeutend; Rarámuri, so nennen sie sich selber, und Tarahumara ist der Name, den die spanischen Eroberer den Ureinwohnern gegeben haben. Zweitens sind hier auch die Kolonialisten zu Hause, also Europäer, die vor einigen hundert Jahren hier ankamen. Und Drittens wird die Gegend auch von Mennoniten bewohnt, die in den 1920ern hier ansiedelten. Die Mennoniten, eine in Holland/Norddeutschland entstandener Ableger der Täuferbewegung (radikalreformatorische Bewegung, welche im 16. Jhd von Zürich ausging), verliessen Holland Richtung Preussen, dann Russland, Kanada, und kamen schliesslich um ca. 1920 nach Mexiko. Die Umsiedlung erfolgte immer, wenn der “Gastgeber”-Staat ihnen nicht mehr die Freiheit gewährte, die sie wollen; vor allem die Religionsfreiheit und die Freiheit, ihre eigenen, deutschsprachigen Schulen zu halten und ihre Kinder nicht in die Staatsschule schicken zu müssen.

Wir flogen von Mexiko-Stadt nach Chihuahua, in die gleichnamige Hauptstadt Chihuahua, die in einer Hochebene auf etwas über 1400 M.ü.M. liegt. Von da reisten wir weiter mit dem Bus, durchquerten die aneinandergereihten, steppenartigen Hochebenen, bis wir nach Creel kamen, in der Sierra Madre Occidental, auf etwa 2300 M.ü.M. Creel ist eine kleine Siedlung, die wie die meisten Orte hier in den Bergen wegen dem Bergbau entstanden (vor allem Silber). Man merkte, dass man in den Bergen ist, am Freitag Abend hat es sogar geschneit; es war das erste Mal, dass ich und Liliana es schneien erlebten in Mexiko! Wir übernachteten in Creel zwei Nächte, und besichtigten unter anderem mit einem lokalen Touristenführer schöne Täler und Schluchten, Wasserfälle, Aussichtsplattformen auf die Barrancas, und fuhren in einer von Schweizern und Österreichern konstruierten Gondelbahn über die Barrancas.

Rarámuri vor ihrer Höhle Einige Rarámuris leben in Höhlen, wie hier diese Frau. Die Höhle ist ein überhängender Fels, den sie vorne zu mauerten.

Ein Wort zum Namen Barrancas del Cobre: Eine Barranca ist eine Schlucht, und hier wimmelt es nur so von Schluchten, und Cobre ist Kupfer. Barrancas del Cobre ist also die Kupfer-Schlucht. Die Bezeichnung Kupfer kommt von der grünen Farbe, die die Schluchten prägt. Barrancas del Cobre bezeichnet nicht eine spezifische Schlucht, sondern die Gesamtheit der Schluchten hier, das Gebiet. Die Barrancas del Cobre sind je nach Quelle und je nach dem, was man vergleicht, kleiner, gleich gross, oder grösser als der Grand Canyon in den USA. Sie sind aber touristisch noch viel weniger überrannt als der Grand Canyon. (Die Geologie und der Ursprung ist aber komplett anders.)

Nach den zwei Tagen in Creel stiegen wir in den Chepe, eine Zuglinie, deren Bau über 60 Jahre gedauert hat. (Chepe ist der umgangssprachliche Namen; es ist der Ferrocarril Chihuahua-Pacífico, Abk. ChP, was sich im spanischen als Chepe liest.) Er wurde in den 1960ern fertiggestellt und durchkreuzt von der Pazifikküste her die Sierra Madre Occidental bis nach Chihuahua (und weiter). Diese rund 673 km langen Strecke führt über 37 Brücken, 86 Tunnels und mehr als 2400 Meter Höhenunterschied. Dieses Spektakel zählt zu Recht zu den schönsten Zugfahrten der Welt!

Rarámuris beim Anbieten ihrer geflochtenen Ware Rarámuris beim Anbieten ihrer geflochtenen Ware Eine Rarámuri beim flechten Bei Sehenswürdigkeiten und entlang den Strassen und der Chepe-Linie verkaufen die Rarámuris ihr Kunsthandwerk, vor allem wunderschöne, aus Gräsern geflochtene Körbe und Gefässe. Und während dem Warten auf Kundschaft stellen sie sie auch gleich her.

Wir stiegen in Bauhichivo wieder aus, und waren dann verloren, da der “Bus” schon abgefahren war. Durch etwas Zufall trafen wir dann auf Eugenio, der uns mit nach Urique nahm in seinem Van (erst später fanden wir heraus, dass er eigentlich der “offizielle” Bus ist…). Gute 2.5  Stunden dauert die Fahrt von Bauhichivo nach Urique, meist auf Schotterstrassen. Kurz nach dem höchsten Punk der Reise hat es eine Aussichtsplattform (der rote Kreis auf der folgenden Karte), auf gut 2200 Meter über Meer. Von da sieht man auf Urique, das auf 560 Meter über Meer liegt. Die Strasse führt dann in nur 14 km (!) mehr als 1600 Meter hinunter, das ist im Durchschnitt mehr als 10 % Gefälle. Urique hat fast ein tropisches Klima, sehr warm, mit Orangen- und Bananenbäumen, und auf dem Berg oben war es noch alpin, der Klimawechsel ist beeindruckend.

Karte mit den Serpentinen zu Urique Karte mit den Serpentinen zu Urique Serpentinen zu Urique, einmal auf dem Satellitenbild und einmal mit der Topographie. In nur 14 Kilometern geht es von über 2200 auf rund 560 Metern über Meer! Beim Kreis ist eine Aussichtsplattform, von der man zum Dorf hinunter sehen kann. Und der Pfeil zeigt die Landepiste an, die mitten durchs Dorf führt. Bei den Höhenlinien sind zwischen den fetten Linien 200 Meter. (© Google Maps)

Urique von der Ausichtsplattform aus Urique von der Ausichtsplattform aus. Die Landepiste mitten durch das Dorf ist gut sichtbar (was man nicht sieht ist, dass die Landepiste alles andere als flach ist).

Eugenio hatte auch gerade noch Zimmer zum vermieten, und so blieben wir zwei Nächte bei ihm. Er ist eine Art Kleintierfarmer, hat das Transportgeschäft, und daneben auch noch Unterkünfte. Und er war unglaublich freundlich und offen, und hat sich viel Zeit genommen für uns. In Urique machten wir uns auf die Suche nach der ältesten Mine, über 300 Jahre alt, die erst vor 15 Jahren geschlossen wurde. Zudem wanderten wir zum nächsten Dorf Guapalaina und zurück. Die Rarámuri leben sehr verstreut, nur selten in Dörfern. Urique ist hauptsächlich ein “Kolonisten”-Dorf, die Nachbardörfer jedoch sind gemischte Dörfer, mit Ureinwohnern und Kolonisten.

Rarámuris beim Ausruhen Junge mit einem Velo-Rad Jungs am Spielen Rarámuris in Guapalaina: Frauen am Ausruhen auf einer Mauer und Kinder am spielen.

Urique erlangte in den letzten Jahren eine gewisse Berühmtheit durch einen Amerikaner, genannt das weisse Pferd, El Caballo Blanco. Er war ein Ultramarathon-Läufer der sich in die Landschaft hier verliebte. Die Ureinwohner sind berühmt dafür, dass sie sehr viel rennen, ohne Problem bis zu einem Tag, vom Kinde bis zum Greise (Rarámuri heisst auch soviel wie Rennender Fuss, oder Die mit den leichten Füssen). Und dies in selber gemachten Sandalen, meist aus alten Pneus. Um den Ureinwohnern hier zu helfen ihre Tradition aufrecht zu erhalten, hat Caballo Blanco einen Ultramarathon organisiert, über 80 km, und selbstverständlich mit einer deftigen Höhendistanz. Beim ersten Mal waren 7 Teilnehmer dabei, 6 Ureinwohner und er. Obwohl er einige Ultramarathons gewonnen hatte, wurde er nur 5ter, und die zwei hinter ihm wurden von Zuschauern mit Bier abgelenkt. Dieses Jahr war die 13. Austragung, und es waren über 800 LäuferInnen. Der Grossteil davon Rarámuri, und zwar wirklich vom Kinde bis zum Greise, Mann und Frau, in traditionellen Kleidern und Sandalen. Caballo Blanco hat hat eine Stiftung gemacht, und jeder Ureinwohner, der mitrennt, bekommt pro gerannte Kilometer Mais-Gutscheine. Aber es hat auch Läufer aus ganz Mexiko, von anderen Ureinwohnern, und der ganzen Welt dabei.

Falls es euch interessiert, es gibt ein Buch über die Geschichte des Caballo Blanco, des gleichnamigen Ultramarathon in Urique und die Rarámuri: Born to Run (2009; es gibt eine deutsche Version davon). Die Geschichte wurde auch verfilmt in Run Free, erschienen vor 4 Tagen am 1. September 2015. Die Webseite ist ultracb.com. Falls ihr 3.5 Minuten Zeit habt, so schaut dieses Video auf Youtube an. Es gibt nicht nur einen guten Eindruck vom Ultramarathon, sondern auch von den Ureinwohnern und der unglaublichen Schönheit der Landschaft.

Rote Bäume Wir auf einer Aussichtsplattform Ich beim Mineneingang Liliana im Chepe Liliana bei einem Caballa Blanco Wandgemälde Einige Eindrücke aus den Barrancas del Cobre: Diese Bäume haben mich fasziniert, mit einer glatten, roten Haut; Liliana und ich auf einem Aussichtspunkt, ich beim Eingang der ältesten Mine von Urique; Liliana im Chepe; Liliana bei einem Wandgemälde in Urique für den Ultramarathon Caballo Blanco.

Panoramabild von den Barrancas del Cobre Panoramabild von den Barrancas del Cobre, mit Blick auf Urique.

Blick auf die Barrancas del Cobre Haus Blick auf Urique vom anderen Ufer Brücke von Urique Aasgeier? Kaktus und Cowboy Einige undokumentierte Eindrücke aus Urique und den Barrancas del Cobre generell.

Nach Urique ging es zurück nach Hause. Bevor wir aber zur Stadt Chihuahua zurückfuhren, machten wir halt in Cuauthémoc für eine Nacht. Hier besuchten wir noch eine Mennoniten-Siedlung; es gibt hier über 100 Siedlungen, und im ganzen sind es über 50‘000 Mennoniten in Chihuahua. Da die Mennoniten erst vor knapp hundert Jahren hier ankamen, sind sie sehr gut zu unterscheiden durch ihre komplett weisse Hautfarbe. Eine Mischung gibt es fast nicht, da eine Heirat mit einem nicht-Mennoniten zum Ausschluss aus der Gemeinde führt. Die Mennoniten sind jedoch geschätzt, haben sie doch massgeblich zum wirtschaftlichen Aufschwung der Region geführt, der vor allem auf der Landwirtschaft beruht. Die Mennoniten sind daher heute auch eher eine wohlhabende Schicht.

Unser nächster Abstecher war nur eine gute Woche später, und der Kontrast hätte nicht grösser sein können, führte er uns doch in die mexikanischen Tropen in die Bundesstaaten Tabasco und Chiapas zu den Maya-Ruinenstätten Comalcalco und Palenque.

(Der Grossteil der Bilder stammt nicht von mir Fotomuffel, sondern von Liliana.)