México

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Nopal und Tuna

Der Kaktus als Nahrungsspender

08. September 2016

Den meisten von euch ergeht es wahrscheinlich wie mir. Wenn ich Kaktus höre, so denke ich an Steppe, Sand, Trockenheit, Hunger und Durst. Erlaubt mir euch den Kaktus Opuntia ficus-indica vorzustellen, zu Deutsch Feigenkaktus und in Mexiko Nopal genannt. Die Pflanze ist beheimatet in semiariden bis ariden Gebieten. Wahrscheinlich stammt sie ursprünglich wie viele Kakteenarten aus Mexiko. Heute ist sie aber in ganz Lateinamerika, Australien und dem Mittelmeerraum verbreitet. Die Pflanze wächst strauchartig bis zu einigen Metern hoch und hat häufig dickere, baumartige Stämme und Äste.

Nopal in der Nähe von Santiago Matatlan, Oaxaca. Ausschnitt aus obigem Nopal. Nopal beim Instituto Mexicano del Petróleo. Nopales mit vielen roten Früchten, Tuna genannt, in schöner Gesellschaft mit Agaven, anderen Kakteen und Bäumen, fotografiert in der Hochebene von Oaxaca. Das zweite Bild ist ein Ausschnitt auf dem man die Früchte ein wenig besser sehen kann. Zuletzt noch ein Beispiel von einem Nopal mit grünen Früchten auf dem Gelände des Instituto Mexicano del Petróleo, wo wir arbeiten.

Das bewundernswerte dieser stacheligen Pflanze ist, dass man sowohl die jungen Blätter als auch die Früchte essen kann. Das Gemüse heisst gleich wie der Kaktus, Nopal, die Früchte werden Tuna genannt. Beide sind ein wichtiger Bestandteil der mexikanischen Küche und man kann sie sowohl auf dem Strassenmarkt wie auch in den Supermärkten kaufen, wobei den Nopales und den Tunas vor dem Verkauf immer die Stacheln abgeschnitten werden. Nopales kriegt man eigentlich das ganze Jahr über, die Saison der Tunas beginnt so im späten Frühling und endet im Herbst.

Die jungen Blätter werden meistens in der Bratpfanne zubereitet, wobei sich ihre Farbe von hellgrün zu dunkelgrün verändert. Dabei werden sie lind und sondern ein zähflüssiges Sekret ab, das die Nopales unglaublich schmackhaft macht. Sie können so als normale Gemüsebeilage verspeist werden. Häufiger jedoch werden sie als Beilage offeriert für so typische mexikanische Gerichte wie Tacos oder Quesadillas.

Rote und grüne Tunas ganz und geschält. Rote und grüne Tunas. Nopal, roh und gekocht. Rote und grüne Tunas ganz und geschält, sowie Nopal roh und gekocht. Der Nopal ändert seine Farbe von einem hellgrün zu einem dunkelgrün beim anbraten.

Tunas gibt es anscheinend in grün, rot und orange/gelb, ich kenne jedoch nur die grüne und die rote Varianten. Die grüne Variante, eine meiner absoluten Lieblingsfrüchte, hat eine relativ dicke Schale. Häufig hat sie immer noch ganz kleine feine Stacheln, fast Haare, die sich aber lästig in der Haut verfangen können. Viele Leute schälen daher nicht gerne Tunas, und man kann sie oft auch schon geschält kaufen. Einmal geschält sieht sie ein wenig aus wie eine Kiwi, mit grossen, essbaren Kernen. Die Frucht ist unglaublich wässrig, und super lecker und erfrischend. Im Kühlschrank aufbewahrt ist es ein herrlicher, kühler Durstlöscher an heissen Sommertagen. Die rote Variante hat eine dünnere Schale und ein unglaublich intensives rot; beim schälen sieht der Tisch nachher etwa gleich aus wie wenn man eine Rande geschält hat, alles dunkelrot. Diese Variante ist ein bisschen weniger wässrig, und von der Konsistenz her geht es in Richtung Wassermelone.

Nopal und Tuna sind wie erwähnt ein nicht wegzudenkender Bestandteil der mexikanischen Küche. Wie wichtig die Pflanze ist erkennt man auch daran, dass sie prominent im mexikanischen Wappen und dadurch auch in der mexikanischen Flagge vertreten ist:

Mexikanisches Wappen. Mexikanische Flagge. Mexikanisches Wappen (links) und mexikanische Flagge (rechts): Das zentrale Element ist der Adler mit einer Schlange im Schnabel. Der Adler sitzt auf einem Nopal, der auf einem Felsen im See wächst. Es ist die artistische Zusammenfassung der aztekische Sage über die Gründung von Tenochtitlán, auf dessen Ruine heute Mexiko-Stadt steht.

Das mexikanische Wappen ist die artistische Zusammenfassung der aztekischen Legende über die Gründung von Tenochtitlán im Jahre 1325: Das Nomadenvolk der Mexicas sollte sich gemäss einer antiken Prophezeiung da sesshaft machen, wo sie einen Adler sehen der auf einem Nopal sitzend eine Schlange frisst. Sie erspähten dieses göttliche Zeichen eines Tages auf einem Felsen im See Texcoco, und errichteten daher trotz den widrigen Umständen mittem im See ihre Hauptstadt Tenochtitlán. Heute ist der See fast ganz verschwunden, und an seiner Stelle steht nun Mexiko-Stadt. Die Ruinen der Azteken-Tempeln kann man im historischen Zentrum von Mexiko-Stadt besuchen.

Dieser Beitrag passt daher gut in den September. Am 16. September feiert Mexiko seine Unabhängigkeit, da am 16. September 1810 El Grito de Dolores den Beginn des Unabhängigkeitskrieges markierte. Und in Mexiko werden daher gleich den ganzen Monat September lang die Flaggen heraus gehängt, die Autos mit Fähnchen geschmückt und alles in grün-weiss-rot dekoriert, nicht nur am 16. September selber: Septiembre, el mes patrio — September, der patriotische Monat.