México

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Erdbebenstatistik

Ein paar Zahlen und Fakten

25. September 2017

Aufgrund der zwei starken Erdbeben vom vergangenen 7. und 19. September hier ein Beitrag über die seismische Aktivität in Mexiko. Dieser Beitrag ist bewusst nüchtern gehalten und fokussiert auf die Daten. Die humanitäre Tragödie, die aus den genannten zwei starken Erdbeben resultierte, habt ihr wahrscheinlich in den Nachrichten gehört, gesehen oder gelesen. Die Aufräumarbeiten und der Wiederaufbau werden noch Wochen, Monate und Jahre in Anspruch nehmen; für viele Menschen kam leider jegliche Hilfe zu spät und viele haben alles verloren. Falls du die Möglichkeit und die Mittel dazu hast so lege ich dir eine Spende für die Erdbebenopfer sehr ans Herzen.

Pazifischer Feuerring

Mexiko ist Teil des sogenannten Pazifischen Feuerrings. Die sogenannten Lithosphärenplatten im Pazifik breiten sich aus und tauchen rundherum unter den angrenzenden Kontinenten ab. Das ist auch der Grund, weshalb es rund um den Pazifik hohe Berge hat (z. B. Neuseeland, Japan, Nord- und Südamerika), oft einhergehend mit vulkanischer Aktivität (daher der Name Feuerring) und häufigen Erdbeben.

Pazifischer Feuerring. Pazifischer Feuerring mit den verschieden Platten und den Subduktionszonen. Die Dreiecke markieren Vulkane. Die gezackten Linien in den Meeren sind die Mittelozeanischen Rücken, bei denen ständig neues Magma heraus fliesst wodurch neuer Meeresboden entsteht. (Quelle: CC BY-SA 3.0 Galilea; de.wikipedia.org/wiki/Pazifischer_Feuerring; heruntergeladen am 24/09/2017.)

In Mexiko ist die Lage noch ein wenig verzwickter als es auf der Karte ersichtlich ist, da sich gleich mehrere Platten in den Weg kommen. Die Pazifische Platte, die Cocosplatte und die Riveraplatte treffen auf die Nordamerikanische Platte und auf die Karibische Platte.

Platten in und um Mexiko. Die fünf Platten im Grossraum Mexiko: Pazifische Platte, Cocosplatte, Riveraplatte, Nordamerikanische Platte und Karibische Platte. (Quelle: SSN, Spezialreport über das Erdbeben vom 19/09/2017.)

Fokus Mexiko-Stadt

Zur oben genannten plattentektonischen Situation kommt in Mexiko-Stadt noch ein besonderes Problem hinzu, der Untergrund. Die Azteken bauten ihre Hauptstadt Tenochtitlán in der Mitte eines riesigen, seichten Sees. Die Spanier zerstörten bei der Eroberung Tenochtitlán, und bildeten an gleicher Stelle Mexiko-Stadt. Bei der Ausbreitung der Stadt wurde dabei der See sukzessive trocken gelegt. Leider wirken die weichen Seesedimente bei einem Erdbeben wie ein Verstärker, was das Thema Erdbeben so wichtig macht in Mexiko-Stadt.

19/09/1985

Am 19. September 1985 morgens ca. um 07:18 Uhr bebte die Erde mit einer Stärke von 8.1 an der Pazifikküste, rund 350 km von Mexiko-Stadt entfernt. Die Anzahl der Todesopfer variiert je nach Quelle zwischen 5000-45‘000, mit Verletzten in der gleichen Grössenordnung. Rund eine Viertelmillion Menschen wurde obdachlos.

Als Folge dieser Katastrophe wurden in Mexiko-Stadt strenge Bauvorschriften zum erdbebensicheren Bauen eingeführt. Zudem wurde ein Frühwarnsystem installiert: Bei einem Erdbeben in Pazifiknähe wird in der Stadt sofort ein Alarm ausgelöst, der dann den Stadtbewohnern einige Dutzend Sekunden Zeit gibt um sich in Sicherheit zu bringen.

07/09/2017

Am 7. September diesen Jahres kamen wir so um 7 Uhr am Abend von der Schweiz zurück nach Mexiko-Stadt. Müde von der Reise waren wir bald im Bett, wurden aber kurz vor Mitternacht vom stärksten Erdbeben der letzten 100 Jahre aufgeweckt. Das Beben fühlte sich unglaublich stark an. Das Epizentrum des Bebens mit Stärke 8.2 war aber über 700 km südlich von Mexiko-Stadt, daher hielten sich die Schäden hier in Grenzen. Im Süden des Landes brachte es aber unglaubliches Leid und Zerstörung mit sich. Das Beben hat bis heute, 25/09/2017 um 09:00 unglaubliche 4846 Nachbeben produziert, davon das Stärkste mit einer Magnitude von 6.1.

19/09/2017

Jedes Jahr am 19. September um 11 Uhr findet wegen dem Erdbeben vom 19/09/1985 ein Erdbebenalarm statt in Mexiko-Stadt, so auch in diesem Jahr. Gute zwei Stunden später, um 13:14:40, dann die Katastrophe: Ein Erdbeben der Stärke 7.1, nur rund 120 km südlich von Mexiko-Stadt. Die Zahl der Todesopfer stieg auf über 300 und wird noch steigen. Noch heute, fast eine Woche nach dem Beben, ist die Suche nach Überlebenden im Gange. Viele Häuser wurden zerstört oder unbewohnbar.

Magnitude und Distanz

Was wir von den drei erwähnten Erdbeben sehen können ist, dass sowohl Magnitude wie auch Distanz entscheidend sind für die tatsächlich gefühlte Stärke eines Bebens. Das Ingenieur-Institut der UNAM publiziert jeweils Karten zur Beschleunigung von Gebäuden bei Erdbeben (die UNAM ist die grösste Universität in Mexiko). Die folgenden Karten zeigen die durchschnittliche Beschleunigung von einstöckigen Gebäuden, links (bei kleinen Bildschirmen oben) beim Erdbeben vom 19. September 1985, rechts (unten) beim Erdbeben vom 19. September 2017:

Beschleunigung des Bebens von 1985. Beschleunigung des Bebens von 2017. Verteilung der durchschnittlichen Bodenbeeschleunigung von 1-stöckigen Gebäuden. Die fast kreisrunden, grünen Anomalien sind alte, inaktive Vulkane. Die rote Zone umschreibt wahrscheinlich ziemlich gut das Ausmass des ursprünglichen Sees. Dimension der Grafik ist etwas mehr als 40x40 km. (Quelle: Ingenieur-Institut der UNAM, aplicaciones.iingen.unam.mx/webSAPS.)

Was die Grafik zeigt ist, dass das Beben von 2017 in Mexiko-Stadt wenn nicht stärker so doch wahrscheinlich im gleichen Rahmen war wie das verheerende Erdbeben von 1985 (ich bin kein Experte und das ist nur eine grobe Einschätzung, die mit Vorsicht zu geniessen ist). Das Beben von 1985 war mit einer Stärke von 8.1 zwar viel stärker, es war aber mit über 350 km viel weiter weg. Dass nicht noch viel mehr passierte beim Erdbeben vom vergangenen 19. September ist nur den verschärften Baubestimmungen und weiteren Regulierungen zu verdanken, die nach dem schweren Erdbeben von 1985 eingeführt wurden. Vor allem wenn man bedenkt, dass inzwischen einige Millionen Menschen mehr in Mexiko-Stadt arbeiten und wohnen.

Vergleich CH - MX

Vor über zwei Jahren verglich ich das Wetter in Mexiko-Stadt mit dem Wetter in der Schweiz. In den Kommentaren fragte mich Bolliger, ein ehemaliger WG-Kollege aus der Aarauer-Zeit, ob ich etwas Ähnliches machen könnte bezüglich der seismischen Aktivität. Hier kommt nun, ein wenig verspätet, der Vergleich.

Um die Erdbebenhäufigkeit in der Schweiz und in Mexiko zu vergleichen griff ich zurück auf die zwei nationalen Erdbebendienste. In Mexiko ist dies der Servicio Sismológico Nacional (SSN; ssn.unam.mx), der dem Institut der Geophysik der UNAM angegliedert ist. In der Schweiz ist dies der Schweizerischer Erdbebendienst (SED, seismo.ethz.ch), der an der ETHZ zu Hause ist.

Zum Vergleich schaute ich die letzten 12 Monate an, also den Zeitraum vom 24. September 2016 bis am 23. September 2017.

In Mexiko wurden in diesem Zeitraum 18‘618 Erdbeben registriert mit einer Magnitude 3.0 oder grösser. Darunter das Beben mit Magnitude 8.2 vom 07/09/2017, das Beben mit Magnitude 7.1 vom 19/09/2017, das Beben mit Magnitude 6.1 vom 23/09/2017, und zwei weiteren starken Beben mit Magnituden 7.0 und 6.1. 88 Beben hatten eine Magnitude zwischen 5.0 und 5.9, 2622 eine Magnitude zwischen 4.0 und 4.9.

In der Schweiz wurden im gleichen Zeitraum 3 Beben gemessen mit einer Magnitude von über 4.0 (4.1, 4.3, 4.6), und 13 Beben mit Magnituden zwischen 3.0 und 3.9. Von diesen 13 war jedoch bei 7 das Epizentrum im nahen Ausland (F, D, I), und daher nur 6 tatsächlich in der Schweiz. (Der SED registriert Beben in der Schweiz und im nahen Ausland.)

Hier der Vergleich ein bisschen übersichtlicher in einer Tabelle (Zeitraum 24/09/2016-23/09/2017):

Magnitude CH MX
3 ≤ M < 4 6 15‘903
4 ≤ M < 5 3 2622
5 ≤ M < 6 0 88
6 ≤ M < 9 0 5

Natürlich muss man da berücksichtigen, dass die Fläche von Mexiko rund 48 mal grösser ist als die der Schweiz, plus die Ozean-Gebiete die auch noch zu Mexiko gehören. Aber auch wenn man die Zahlen der Schweizer Beben mit 100 multipliziert so sind es immer noch ganz andere Dimensionen. (Wichtig: Die Magnitude-Skala von Erdbeben ist eine logarithmische Grösse. Das heisst zum Beispiel, dass ein Erdbeben der Stärke 4 zehnmal so stark ist wie ein Erdbeben der Stärke 3, oder dass ein Erdbeben der Stärke 8 tausendmal so stark ist wie ein Erdbeben der Stärke 4.)

Eine eindrückliche Grafik findet man auf der Website des SSN, nämlich alle Erdbeben des Jahres 2016: Erdbeben in Mexiko im Jahre 2016. Karte des SSN mit alle Erdbeben in Mexiko im Jahre 2016. Gelbe Punkte sind kleiner als Magnitude 3, alle anderen Punkte sind grösser. Die Originaldatei mit höherer Auflösung findet ihr hier: ssn.unam.mx/sismicidad/mapas-de-sismicidad-anual/2016/.

Schlussbemerkung

Erdbebenstärken werden von verschiedenen Stellen zum Teil mit leicht unterschiedlicher Stärke angegeben. Ich brauche hier ausschliesslich die Daten des SSN für die Beben in Mexiko, und die Daten des SED für die Beben in der Schweiz.